Historie der Stadtwirtschaft
Aktivitäten seit über 130 Jahren
Mit dem Aufschwung kam der Müll
Die Stadtwirtschaft ist ein Areal, das in enger Verbindung zur Industrialisierung von Chemnitz steht. Mit dem Aufschwung von Textilindustrie, Maschinen- und Fahrzeugbau im 19. Jahrhundert wuchs Chemnitz rasant. Ab 1860/70 wurde auch der Sonnenberg erschlossen - als Industriestandort entlang der Dresdener Straße und der Oststraße (heute: Augustusburger Straße) sowie als Wohnort für die massiv gewachsene Arbeiterschaft.
Mit den Menschen kamen Müll und Abwasser - und kommunale Betriebe, die deren Herr werden sollten. Im Dezember 1890 wurde die Chemnitzer Dünger-Abfuhr-Gesellschaft (AG) gegründet, die wenig später eine Baustelle für ihr neu erworbenes Betriebsgelände anzeigte: an der damaligen Grenzstraße, die heute Zietenstraße heißt. Ein Komtor - das Verwaltungsgebäude an der Jakobstraße - sowie erste Pferdeställe werden errichtet. Die "Stadtwirtschaft" ist geboren.
Unterkunft für 80 Pferde - und die Mitarbeitenden
In den ersten Jahrzehnten erfolgt die Abfallentsorgung vor allem mit Hilfe von Pferdegespannen - entsprechend gestaltet sich die Baustruktur mit Ställen für bis zu 80 Pferden im Erdgeschoss und Futterböden im Dach. Hinzu kommen Schmieden, Geschirrkammern, ein Krankenstall, Stellplätze für den Maschinen- und Fahrzeugpark sowie Schlafsäle für die Mitarbeitenden.
1913/14 werden verschiedene städtische Abfall- und Abwasserbetriebe und in die Stadtverwaltung eingegliedert. Der Hauptsitz des Gruben-Dünger und Müllabfuhrbetriebs bleibt an der Jakobstraße 46. Für die Düngerabfuhr standen nun 113 Pferde und 96 verschiedene Fahrzeuge bereit.
Endlich motorisiert
1924 wird die Betriebsstruktur der Stadtreinigung erneut angepasst. Der neu entstandene Städtische Abfuhrbetrieb erhält seinen ersten motorisierten Fäkalienkraftwagen. Ab 1926 werden die Pferdeställe schrittweise zu Kraftwagengaragen umgebaut.
Das Jahr 1926 ist geprägt von weiteren Investitionen: Neben dem Kauf von zwei weiteren Kraftwägen stehen die Errichtung einer Heizungsanlage und die Einrichtung einer Kraftwagenreparaturwerkstatt an. Das ist auch nötig: Bis 1932 steigt der LKW-Bestand auf elf Fäkalkraftwagen und 13 Müllkraftwagen.
Regelmäßige Veränderungen
Die folgenden Jahrzehnte sind geprägt von regelmäßigen Änderungen in der Betriebsstruktur - vom Abfuhramt 1929 über das Dienstleistungskombinat Stadttechnik 1968 und den VEB Stadtwirtschaft 1972 bis zum Amt für Stadtreinigung 1990.
Baulich passt sich die Stadtwirtschaft den veränderten Bedingungen an: Das Areal erhält unter anderem eine Tankstelle sowie Waschanlagen für den betriebseigenen Fahrzeugpark.
Der 1994 gegründete Abfallwirtschafts- und Stadtreinigungsbetrieb der Stadt Chemnitz (ASC, heute: ASR) entschließt sich Mitte der 1990er Jahre zur Aufgabe des Geländes: Ein moderner Standort an der Blankenburgstraße steht bereit.
Dornröschenschlaf und Zwischennutzung
Mit dem Auszug des ASC lag das Areal zunächst brach. Doch schon bald interessierten sich erste private und gewerbliche Nutzer:innen für die leerstehenden Werkstatt- und Lagerräume - und die Stadt vermietete ihnen die ungenutzten Räumlichkeiten gern. Noch heute sind einige Pioniere der Zwischennutzung auf dem Gelände der Stadtwirtschaft aktiv.
Und dann: KRACH
Erstmals im Jahr 2017/18 schrieben die Stadt Chemnitz, ihre Wirtschaftsförderung und der Branchenverband Kreatives Chemnitz leer stehende Büro- und Gewerbeflächen in einem Ideenwettbewerb aus: Kreativraum Chemnitz, kurz: KRACH sollte Akteur:innen der Kultur- und Kreativwirtschaft zur Ansiedlung in solchen Flächen ermutigen.
In der ersten Wettbewerbsrunde wurden auch Flächen im Verwaltungsgebäude der Stadtwirtschaft in der Jakobstraße ausgeschrieben. Die ersten Preisträger:innen wurden im Sommer 2018 gekürt - mussten bis zu ihrem Einzug in die Stadtwirtschaft aber noch die grundständige Sanierung von Haus D abwarten.
Auch in der zweiten KRACH-Runde 2018/19 wurden mehrere Räumlichkeiten in Haus D als Startrampe für kreativwirtschaftliche Unternehmungen angeboten. Die Preisverleihung dieser Wettbewerbsrunde wurde im Sommer 2019 in der Stadtwirtschaft ausgetragen - die Initialzündung für die weitere Entwicklung des Areals.
Hinweis:
Historische Angaben beziehen sich im Wesentlichen auf die Recherchen der AG Sonnenberg-Geschichte in Chemnitz, die auch das historische Bildmaterial bereitgestellt hat. Ein herzlicher Dank an die Mitarbeitenden und namentlich Eckart Roßberg.
KRACH-Fotos wurden erstellt durch Mark Frost sowie Fabian Thueroff im Auftrag der CWE - Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungs GmbH.